Wo liegt die Grenze zwischen “Menschen zur Verantwortung ziehen” und “Cancel Culture”, dem unverhätnismäßigen Bedürfnis eine Person für ihre unsensiblen/kontroversen Aussagen zu “zerstören”?

Bei der Cancel Culture geht schon lange nicht mehr darum Menschen in der Öffentlichkeit “zur Verantwortung” zu ziehen oder eine kritische Diskussion zu starten.

Im Gegenteil. Der anderen Seite zuzuhören, sich mit Fakten auseinanderzusetzen oder eventeull sogar Verständnis aufzubringen, ist nicht Teil der Cancel Culture. Heutzutage verlieren Menschen ihre Jobs, wegen Tweets und Aussagen, die oft viele Jahre zurück liegen.
Mal ganz abgesehen davon, dass wir sicherlich alle bei bestimmten Themen schon mal unsensibel und toxisch waren – und uns im besten Fall dann irgendwann weiterentwickelt haben

Es gibt natürlich Themen, da sind Shitstorms schon vorprogrammiert: 

die Corona Pandemie, Sexualität und Rassismus. Bei kontroversen Aussagen entwickelt sich eine richtige Mob-Mentalittät: Eine Bewegung in der es nicht um angebrachte Kritik geht, sondern darum ein fast schon perveres Bedürfnis zu stillen, die Person zu “cancellen.” Man freut sich diebisch, wenn diese Person dann das Öffentliche Standing verliert.

Ich finde man kann mittlerweile noch einen interessanten Twist in der Cancel Culture beobachten:

Es gibt bekannte Menschen, die die Macht der Cancel Culture veratanden und sich zu nutzen gemacht haben.

Oliver Pocher und Jan Leyk verstehen es, durch das anzetteln der Mob-Mentalität die eigene Marke und das eigene Business zu fördern. Hallo Klicks, likes und Follower!

Klar darf man Witze über Influencer machen. Aber “influencer” zu beschimpfen, bloßzustellen und – ja tatsächlich zu mobben” und sie für “Fehlverhalten” zu verurteilen, weil man weiß, dass die Follower bock haben auf den Zug aufzuspringen, das ist tatsächlich mobbing und einfach eine billige Masche der Selbst Promotion

Was für eine Macht Cancel Culture mittlerweile hat, zeigt auch wie große Organisationen und Unternehmen reagieren, wenn Personen, mit denen sie zusammenarbeiten unter die “Cancel Culture Räder” geraten.

Ein Beispiel: In America hat eine Reality TV Darstellerin der MTV Serie “The Challenge” unsensible, dumme und uninformierte Tweets zum Black Lives Matter movement abgegeben.

Der Social Mediy Backlash: Riesig! Und Anstatt sich irgendwie mit dem Theam auseinanderzusetzen, die Darstellerin zu suspendieren, um dann mit ihr ein Segment über Rassismus und “dazulernen” zu machen, so dass die MTV Zuschauer vllt auch etwas aus der Sache mitnehmen können, hat MTV die Darstellerin sofort gefeuert und sie aus allen Folgen der Serie rausgeschnitten.

Aber Fun Fact: MTV hatte schon öfters “Probleme” mir Rassismus in dem Format. Vor ein paar Jahren hat ein Darsteller eine andere BIPOC Darstellerin als Affen nachgemacht. Nach einer kurzen Entschuldigung, war die Sache gegessen. Damals war das Thema eben auch nicht so präsent und sensibel wie im Moment.

hmmm, interessant. wie aufrichtig und ernsthaft MTV mit dem Thema Rassismus umgeht, lässt sich hier gut erkennen.

Auch in Deutschland haben wir ähnliche Vorkommnisse: Dieter Nuhr und die DFG

Dieter Nuhr hat and die DFG ein Statement zum Thema “Wissenschaft” abgegeben:

Der Backlash in den sozialen Medien kam sofort – und um sich zu “schützen” hat die DFG das Statement schnell wieder aus dem Netz genommen.

Unternehmen treffen Entscheidungen aus Angst vor “Cancel Culture”-Konsequenz

Wir sind also mittlerweile an einem Punkt angekommen, an dem Sich Unternehmen aus Angst vor den Konsequenzen der cancel culture verbiegen und schnelle und einfache Wege gehen, um einem Social Media Tornado zu entgehen

Fazit: Cancel Culture ist nicht mehr produktiv

Ich glaube, dass Cancel Culture viel damit zu tun hat, das immer und immer wieder die eine, richtige Wahrheit proklammiert wird. Und diese einstellung ist Teil des Problems. Gerade in den sozialen Medien, kommt oft das Gefühl auf, dass es unser Recht ist, sich nicht angegeriffen oder beleidigt zu fühlen. Und wenn wir uns doch angegriffen fühlen, ist es auch unser Recht, Menschen zu “cancellen”. Aber die eigene Empörung über bestimmte Aussagen rechtfertigen nicht das oft unverhätnismäßige Bedürfnis, Leute zu “zerstören”. Es ist Teil des Lebens, dass wie uns verändern, Meinungen ändern, reflektieren und Fehler machen.

 

Und natürlich muss man mit Reaktionen rechnen, wenn man sich öffentlich zu gewissen Themen äußert. Cancel Culture hat aber nichts mehr mit diesen Reaktionen zu tun und schießt gleich 10x übers Ziel hinaus.

Damit sollte man nicht rechnen müssen, und das sollte erst recht keine neue Norm werden. Denn, wo bleibt denn dann Platz für gesunde Auseinandersetzung, produktiven Diskurs und die Möglichkeit sich weiterzuentwickeln?