Über Nachhaltigkeit & Shitstorms mit Avogoodday

Ich durfte mich mit Miriam von Avogoodday treffen und ihr Löcher in den Bauch fragen. Sie lebt seit 8 Jahren in München, ist aber auch gerne unterwegs und erkundet die Welt. Seit 4 Jahren isst und vor allen Dingen backt und kocht sie vegan.  Auf Instagram (www.instagram.com/avogoodday) nimmt sie uns da mit und mir läuft regelmäßig das Wasser im Mund zusammen, wenn ich sehe, dass sie schon wieder einen unfassbar leckeren, chewy Brownie kreiert hat. 

Was sie über Shitstorms in Bezug auf Öko-Influencer, den Druck in allen Lebenslagen nachhaltig sein zu müssen, und ihre Pläne für 2020 sagt, könnt ihr hier lesen. Los gehts!

Je mehr ich mich mit dem Thema Veganismus beschäftigt habe, desto mehr bin ich auf viele weitere Bereiche gestoßen, die mir mittlerweile sehr wichtig geworden sind.

Du sagst selber, dass bio, vegan, fair trade, less waste und second hand wichtig für dich sind. Wie bist du zu einem nachhaltigeren „Lifestyle“ gekommen? 

Das kam alles Schritt für Schritt und über einen sehr langen Zeitraum hinweg. Manches habe ich schon von klein auf von meinen Eltern vorgelebt bekommen und dann ganz automatisch übernommen, ohne es groß zu hinterfragen. Dazu gehört z.B. immer mit einem Beutel einkaufen zu gehen, Obst und Gemüse selber im Garten anzubauen und dementsprechend möglichst regional und saisonal zu essen, alles, wovon zu viel übrig war, einzukochen oder einzulegen oder Reste vom Vortag in neuen Gerichten zu verwerten.

Was second hand Kleidung betrifft habe ich auch immer von Cousinen und Freundinnen aussortierte Stücke bekommen und meine weitergegeben, aber was eigentlich wirklich in der fast fashion Industrie abgeht und warum fair fashion so wichtig ist, habe ich erst in den letzten Jahren mehr mitbekommen und verstanden.

Da meine Familie eine sehr lange Zeit Hühner und Hasen zuhause hatte, hat sich irgendwann „der Schalter umgelegt“ und ich habe kein Fleisch mehr gegessen; ich wollte Tierleid vermeiden. Nach jahrelangem Vegetarier-Dasein habe ich mich besonders durch eine Freundin und gewisse Dokus auf Netflix irgendwann dazu entschieden zu versuchen, ganz auf tierische Produkte zu verzichten. Das war vor knapp vier Jahren.

Je mehr ich mich mit dem Thema Veganismus beschäftigt habe, desto mehr bin ich wie beim Schneeballprinzip auf viele weitere Bereiche gestoßen, die mir mittlerweile sehr wichtig geworden sind und die ich versuche, so gut es geht in meinen Alltag zu integrieren.

Man kann zur Zeit beobachten, dass viele Umwelt/Vegan-Aktivist*innen und Nachhaltigkeits-influencer*innen sich schnell im shitstorm wiederfinden, wenn sie sich „nicht perfekt“ verhalten und z. B. auch mal fliegen oder einweg-Plastik beim to-go-essen kaufen. Wie stehst du zu diesem Phänomen? 

Da ich einigen „Öko-influencer*innen“ auf instagram folge, habe ich so etwas schon oft mitbekommen. Ich finde es sehr, sehr schade, dass Menschen, die in irgendeiner Art und Weise, mit ihren Mitteln und Möglichkeiten, versuchen, der Erde etwas Gutes zu tun, dafür kritisiert werden, wenn sie etwas “nicht perfekt” machen. Perfekt gibt es nicht. Außerdem ist jeder auf seiner eigenen Reise, in seinem eigenen Tempo. Jeder noch so kleine Schritt in die richtige Richtung ist wichtig, diese Schritte sollten meiner Meinung nach hervorgehoben und gefeiert werden.

Ich wurde von einer engen Freundin darauf angesprochen, als ich einmal eine Plastik-Wasserflasche gekauft hatte, von einer Arbeitskollegin, wieso ich nicht wie Greta mit dem Schiff nach Südamerika segeln möchte

Das Rumreiten auf diesen „Fehlern“ baut viel Druck auf. Nicht nur bei Personen mit einer gewissen Reichweite. Auch Privatpersonen, die einen nachhaltigen Lebensstil pflegen, haben so Angst was „falsch“ zu machen und dafür angegriffen und bloßgestellt zu werden. Wozu kann das führen? Und siehst du gewisse Probleme? Wie würdest du mit dem Thema umgehen? 

 

Wenn Personen versuchen, nachhaltig(er) zu leben, aber trotzdem wegen jeder Kleinigkeit, die sie „falsch“ machen, kritisiert werden, kann es natürlich dazu führen, dass sie resignieren und sich denken, „okay, stimmt, wozu mache ich das überhaupt? Ich mache noch so viel falsch! Wieso streng ich mich überhaupt noch an?“

Ich denke, dass die Sichtweise „Hey schau mal, so viel mache ich schon richtig! Ich probiere hier mein Bestes, also lass mal gut sein!“ eine gute Einstellung ist. Dies trifft auf so viele Bereiche zu. Manchmal lassen es einfach die Zeit oder das Geld oder auch ganz andere Umstände nicht zu, so (nachhaltig) zu handeln, wie man eigentlich möchte, aber das ist dann eben so. Das ist auch in Ordnung. Man probiert und versucht es ja trotzdem so gut es geht.

Hier habe ich ein kleines Beispiel aus meinem Auslandssemester in Barcelona. Normalerweise trinke ich nur Leitungswasser und habe für Sprudel einen Sodamax, ich kaufe also fast nie Wasser, außer wenn ich unterwegs bin und keine Flasche dabei habe. In Barcelona kann und soll das Leitungswasser nicht getrunken werden, einen Filter hatten wir auch nicht, aber Wasser in Glasflaschen findest du so gut wie nie. Es bleibt dir nichts anderes übrig als Plastik zu kaufen. Das hat mir natürlich nicht gefallen, aber es ging nun mal nicht anders. Ich habe dann zumindest versucht, die großen 5 oder 8 Liter Kanister und keine 0,5l Flaschen zu kaufen, um hier Verpackugsmüll zu sparen.

Wie gehst du ganz persönlich für dich selber – als Person mit einem Anspruch ein nachhaltigeres Leben zu leben – mit diesem Druck und der Angst vor dem „Shamen“ um?

Ich wurde von einer engen Freundin darauf angesprochen, als ich einmal eine Plastik-Wasserflasche gekauft hatte, von einer Arbeitskollegin, wieso ich nicht wie Greta mit dem Schiff nach Südamerika segeln möchte oder von einer Reise-Bekanntschaft, wieso ich mir bei 30° und Sonnenschein nicht vegane, vielleicht nicht mal tierversuchsfreie Sonnencreme aufgetragen habe, wenn ich sonst bei Kosmetik doch so darauf achte. Meine Reaktionen waren ähnlich: anfangs war ich sauer, aufgebracht und teilweise sehr enttäuscht von mir selbst, aber wenn die Situation vorbei ist und ich ein bisschen reflektiert habe, dachte ich mir, „Sorry not sorry, ich gebe hier mein Bestes, schau du mal bitte auf dich.“

Dennoch kommt es hier auf die Situation und auch auf die Person an, von der ich „geshamt“ werde. Bei manchen Themen bin ich emotional viel mehr involviert, da ist die Angst etwas falsch zu machen auch viel größer. Wenn jemand etwas bezüglich Plastikverpackungen zu mir sagen würde, würde ich mir denken, okay, ja, ich lebe nicht komplett zero waste, ich versuche immer weniger Müll zu produzieren, aber da gibt’s noch einiges zu verbessern und das weiß ich auch. In meinem ersten veganen Jahr hatte ich ein paar „Ausrutscher“, da hatte ich sehr viel mehr Angst, dass ich hierzu doofe Kommentare bekomme. Ich glaube, hier sollte man versuchen, nicht zu hart zu sich selbst zu sein. Das muss ich auch noch ein bisschen mehr lernen.
Es gibt aber auch einfach Personen, die dir IMMER ein schlechtes Gefühl geben können, egal wie sehr du dich anstrengst. Um die sollte man einen großen Bogen machen haha.

Ich liebe es einfach in der Küche zu stehen, zu backen und dann zu sehen, dass es Leute gibt, die sich über veganen Kuchen genauso freuen können wie ich!

du hast deine Reise durch Südamerika ja wegen Covid19 abbrechen müssen, und bist jetzt wieder in München.
Hast du besondere Pläne für dieses Jahre, die du uns schon verraten kannst? 🙂

Ich wollte eigentlich während der Reise herausfinden, ob ich – obwohl ich ja etwas anderes studiert habe – mehr in die Gastro Richtung gehen will. Im letzten Sommer habe ich viel bei Bananaleaf und in anderen food Konzepten mitgearbeitet und sogar eigene kleine Events veranstaltet, was mir richtig viel Spaß gemacht hat. Ich liebe es einfach in der Küche zu stehen, zu backen und dann zu sehen, dass es Leute gibt, die sich über veganen Kuchen genauso freuen können wie ich!
Da in 2020 jetzt sowieso alles durcheinander ist, dachte ich mir, dass auch meine berufliche Laufbahn durcheinander sein darf, deswegen will ich aktuell dieser Richtung eine Chance geben. Es ist hier noch nichts ganz fix wo, wann und wie, aber ich will weiterhin in Cafés und bei Events arbeiten. Aber am allerliebsten würde ich wieder ganz eigene Pop ups wie im Restless letztes Jahr veranstalten. Mein Kopf ist hierzu voller Ideen und ich hoffe sehr, dass sich irgendwann in diesem Jahr noch eine Gelegenheit dazu ergibt.

2 Comments

  1. Nina

    Ich finde es bewundernswert, mit wie viel leidenschaft & liebe @avogoodday sich dem thema vegane ernährung widmet. Ich selbst bin nicht vegan. Sie schafft es aber, mich immer wieder wachzurütteln und zum nachdenken anzuregeN – und zwar mit köstlichkeiten, die praktischerweise auch noch vegan sind 😉

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    • Mascha

      Finde ich auch, Ihre Rezepte und Ihre Art sind inspirierend! 🙂

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